Eine unerwartete Entdeckung gelang dem Herpetologen Marc Pannek Anfang September 2021 am südlichen Stadtrand Dresdens. Im Gelände einer ehemaligen Kiesgrube in Zschieren fand er bei der Suche nach Reptilien eine besonders große, leuchtend grüne Eidechse, die sich deutlich von den dort lebenden Zauneidechsen unterschied. Als Art kam bei der Bestimmung nur die Smaragdeidechse infrage. Allerdings leben im Umkreis von Dresden nirgends Smaragdeidechsen. Es sind auch keine historischen Vorkommen bekannt.

Als er seinen Fund mit Fotos im Internet in einer Reptiliengruppe zur Diskussion stellte, wurde schnell bestätigt, dass es sich tatsächlich um diese Art, wahrscheinlich um die Östliche Smaragdeidechse (Lacerta viridis) handelte.

Eine Woche später konnte von ihm erneut eine Smaragdeidechse in diesem Biotop fotografiert werden. Beim Vergleich der Bilder zeigte sich in den Unterschieden der Kopfzeichnung, dass es sich um zwei unterschiedliche Individuen handelte.

Smaragdeidechse
Smaragdeidechse
Smaragdeidechse

Wie waren die Tiere hierher gelangt? Naheliegend ist die Vermutung, dass es sich um aus Privathaltung ausgesetzte oder entflohene Tiere handelt. In der Abteilung des Dresdner Umweltamts, in der meldepflichtige Arten in Privathaltung erfasst werden, sind aber keine Halter im näheren Umfeld bekannt. Allerdings könnten die Echsen auch aus einer illegalen Haltung stammen.

Interessanter erschien die Möglichkeit, dass diese Tiere oder sogar schon vorangegangene Generationen bei einem der Hochwasser 2013, 2006 oder 2002 aus Tschechien angespült wurden. Ein einziges trächtiges Weibchen hätte möglicherweise als Auslöser für eine neue Population ausgereicht. Auf Treibholz sitzende Zauneidechsen konnten von Mitgliedern unserer Stadtgruppe bereits während eines Elbe-Hochwassers beobachtet werden.

Zauneidechse auf Treibholz, Elbehochwasser
Zauneidechse auf Treibholz bei Meißen

Die nächste autochthone Population in Tschechien liegt in der Nähe von Děčín im Elbtal. Auch weiter stromauf an der Elbe und ihren Nebenflüssen finden sich Vorkommen dieser Art, teilweise nicht weit vom Ufer entfernt. Waren von dort Tiere auf treibendem Holz bis zu uns verdriftet? Der Dresdner Fundort liegt in direkter Elbnähe und war während der Hochwasser stets überflutet. So hätte hier auf natürliche Weise eine Population entstehen können.

Smaragdeidechse an Baum
Smaragdeidechse im nordböhmischen Tal der Eger

Ebenfalls denkbar wäre eine Ausbreitung der Tiere entlang der naheliegenden Bahninfrastruktur. Dies erscheint wegen der hohen Distanz allerdings wenig wahrscheinlich. Die Tiere hätten – um im linkselbischen Zschieren anzukommen – dem Bahndamm durch die Sächsische Schweiz über mehrere Kilometer am nach Nordosten ausgerichteten linken Elbufer folgen müssen. Diese Strecke ist durch seine eher kühle und schattige Lage für die Art ungeeignet. Außerdem wäre bei dieser Entwicklung in den letzten Jahren in diesem Bereich ein Fund wahrscheinlich gewesen.

Die Klärung konnte nur eine genetische Untersuchung bringen.  

Zufälligerweise fand in der Gegend gerade eine Abfangaktion der Zauneidechsen durch das NSI statt. Hauptsächlich aus Gründen des Hochwasserschutzes waren in diesem Gebiet Baumaßnahmen notwendig geworden. Deshalb wurde auch nach den Smaragdeidechsen gesucht und ein einzelnes, fast ausgewachsenes Männchen mit gefangen. Weitere Individuen konnten nicht gefunden werden.

Das Tier übergab man dem Jugend-Ökohaus, da diese Art dort bereits seit längerer Zeit gehalten wird. Aus Quarantänegründen lebt das gefangene Exemplar vorläufig aber noch beim Betreuer der Terrarienanlage zuhause. Seiner Einschätzung zufolge ist die Herkunft der Echse

eher nördlich einordnen, sie sieht aus wie die Tiere, die ich bisher in Böhmen gesehen habe. Nicht so dunkel gesprenkelt wie Brandenburger, aber auch nicht so hellgrün und zeichnungsarm wie die Tiere im JÖH (ungarischer Herkunft) … Andererseits hat es mit Sicherheit eine andere Herkunft als die mir bekannten Tiere aus Dresdner Haltung.

Von der Smaragdeidechse wurde die Probe eines Gaumenabstriches angefertigt und zur Untersuchung an die Spezialisten für Phylogeographie der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung gegeben.

Smaragdeidechse (Lacerta viridis)
Smaragdeidechse (ungarischer Herkunft) im Jugend-Ökohaus

Der Leiter dieses Teams, Prof. Dr. Uwe Fritz beschrieb im Vorfeld, sie könnten

„ein mitochondriales Gen der Eidechse sequenzieren und mit unserem Datensatz vergleichen. Das wird aber nur Aufschluss geben, ob es sich um die in der Tschechischen Republik nahe der Grenze verbreitete genetische Linie handelt oder nicht. Das heißt, wenn das Tiere zu einer anderen Linie gehört, können wir einen natürlichen Ursprung durch Ausbreitung/Verdriftung definitiv ausschließen. Im umgekehrten Fall aber bedeutet es noch lange nicht, dass die Smaragdeidechsen natürlichen Ursprungs sind.“

Der Abschluss der Untersuchung ergab leider keine eindeutige Klärung:

„wie besprochen haben wir ein mitochondriales Gen (Cytochrom b) Ihrer Smaragdeidechse sequenziert. Hierfür gibt es eine große Vergleichsbasis. Leider ist das Ergebnis zweideutig. Der gefundene Haplotyp hat eine sehr weite Verbreitung – er gehört zur Unterart Lacerta v. viridis. Sie finden diesen Haplotyp in Böhmen, aber auch z.B. in Ungarn, der Slowakei oder Serbien bis nach Griechenland. Woher die Eidechse tatsächlich stammt, lässt sich damit nicht feststellen. Es kann aber eben auch nicht ausgeschlossen werden, dass es ein natürlich verdriftetes Tier aus Nordböhmen ist.“

Ist es möglich, dass Smaragdeidechsen aus Tschechien durch natürliche Ausbreitung nach Dresden gelangen? Dem für den Fundort zuständigen Sachbearbeiter des Umweltamtes wurde von Anwohnern schon im Vorfeld der aktuellen Baumaßnahme berichtet, dass Smaragdeidechsen an diesem Fundort vorkommen und bereits seit mehreren Jahren dort beobachtet wurden. Möglich ist aber, dass dabei nur eine Verwechslung mit leuchtend grün gefärbten Zauneidechsen-Männchen vorlag.

Andererseits berichtete der aktuelle Halter der Smaragdeidechse, dass ihm von einer jungen Herpetologin unabhängig vom hier beschriebenen Fall die Angabe vorliegt, sie hätte an einer weiter stadteinwärts liegenden Kiesgrube ebenfalls Smaragdeidechsen gesehen. Die Beobachterin sei fachlich ausreichend versiert, um ein Zauneidechsen-Männchen von einer Smaragdeidechse unterscheiden zu können.

Gibt es also noch weitere Smaragdeidechsen im Stadtgebiet Dresdens? Es erscheint lohnenswert, die geeigneten Biotope auch zukünftig regelmäßig zu untersuchen.


Fotos:

  1. M. Pannek
  2. M. Pannek
  3. M. Pannek
  4. M. Pannek
  5. (Montage) M. Pannek/F. Böhm
  6. U. Prokoph
  7. F. Böhm
  8. U. Prokoph

Text: Frank Böhm